Black Metal
KREIS STORMAN REVISITED
Jeder kennt Landstriche wie diesen: Im südlichen Schleswig-Holstein,
zwischen Knicks, Koppeln und Laubwäldern sind sie gelegen, die kleinen
verwunschenen, um und über druidische Opfer- und Totenstätten errichteten
Dörflein Stormans, in denen die Zeit still gestanden zu sein scheint.
Kreisrunde kleine Teiche, schwarz und ohne Grund, verlassene Höfe mit
verfallenen Scheunen, in deren Gebälk uralte Eulen thronen, verwitterten
Silos, in denen phosphorisierende Pilzkolonien giften, und Treppen, die,
im offenen Feld in die Erde eingelassen, ins Nichts führen. Dörfer, deren
Bewohner all die Geheimnisse hüten, über die nur hinter vorgehaltener
Hand, niemals aber zu den Neuen, also all denen, die nicht bis mindestens
in die 7. Generation Dorfzugehörigkeit nachweisen können, gemunkelt wird,
Geschichten über Küster, die ihre Familie im Schlaf mit der Axt ins
Jenseits befördern, um sich dann im Kirchturm aufzuhängen,
blutverschmierte Puppen, die Jahre später auf der Treppe zum Gemeindehaus
auftauchen. Dem Wahnsinn verfallene Flechterinnen, die halbnackt und
schreiend dem Krämer vors Auto laufen. In der Neujahrsnacht geborene
Drillinge, die nacheinander in neunstündigem Abstand den Kindstod sterben.
Alte zahnlose Frauen in Kittel und Kopftuch, deren gichtknotenübersäten Finger über vergilbte Fotos streichen und dabei Unverständliches in Plattdeutsch murmeln, Gemeinderäte in der Blüte ihres Lebens, die beim Harken von goldbraunem Eichenlaub
einem Hirnschlag erliegen. Köhler und Präparatoren, die in fensterlosen
Hütten im Wald mit ihren Töchtern leben. Kinder, für die Erziehung und
Kochlöffel die gleiche Bedeutung haben, und die vom Spielen am Birkenhain
auf ewig nicht zurückkehren. Und dann natürlich die Geschichten vom Krieg.
Damals, als der Ivan vor den Toren stand, als marodierende Horden von
Deserteuren ins Örtchen einfielen, um sich im Rudel an den
zurückgebliebenen Bauersfrauen zu vergehen, als die wenigen Dorfjuden ihr
jähes Ende unter der Auen-Brücke fanden, die Kehlen aufgeschlitzt, von den
Dachsen angefressen. Um an derart
aufgeladenen Orten nicht verrückt zu werden, muss sich die Jugend schon
etwas einfallen lassen. Man kann sich dem Tollkirschen- und Alkoholrausch
bis zum Stupor hingeben. Statt der naheliegenden Landflucht entscheiden,
sich die Haare stets sehr kurz zu scheren und einer Philosophie des
Hasses, die man bereits durch den Schwanz des vermeintlichen Vaters
eingesogen hat, hinzugeben, bis einen nach Bacardi-Cola-Eskalation in der
Zeltdisco aus dem um die Henkersbuche gewickelten GTI, auf dessen
Kühlerhaube man eben noch unter Beifall der Kollegen die Alte genagelt
hat, der Sensenmann zu schneiden hat. Möchte man bleiben, ohne zu den 50 %
eines Jahrgangs, der vor Vollendung des 30. Lebensjahres eines
unnatürlichen Todes stirbt, zu gehören, scheint die Flucht in Musik
probat, mittels derer man die negativen Kräfte absorbieren und gegen jene
richten kann, die schuld sind an den schwarzen Fesseln dieser Orte. Ja,
wir sprechen von Black Metal. Letzte Bastion juveniler Gegenprojektionen,
fleischermessertiefe Einschnitte auf der Topografie der Popularkultur der
Moderne. Kraftvollste Ritualmusik, unter deren Einwirkung man stundenlang
über Logos brüten, Lehrer, Eltern, Arbeitgeber und Sachbearbeiter
verfluchen und unkompliziert und unmittelbar die eigenen Verirrungen des
Geistes abarbeiten kann. "Without light, without love, without trust and
without god" eröffnet das HÖLLENTOR die Evozierung
"Blessed are the strong, cursed are the weak" (Twilight), welcher man
zweifelhafte Gesinnung vorwerfen kann, wenn man nicht gewillt ist,
einzusehen, dass das direkte Aufnehmen und Umherschleudern fremder
Scheisse eines der Hauptmotive schwarzmetallischen Selbstausdrucks ist.
Hier wird nicht diskutiert und schwadroniert, sondern sofort scharf
geschossen, bis das Magazin erschöpft ist. So ist die Kieler ENDSTILLE in
Fachkreisen bereits legendär ob ihrer brutalen, Schneisen ins Publikum
schlagenden Lärmattacken. Deren "Navigator" (Twilight) birgt einen
ähnlichen Effekt für zuhause, erweitert um die ersehnte Katharsis, die
herzlich lacht über Dresscode-Dissings, händeringende Pädagogensymposien
und Stumpfheitsvorwürfe. Stets im Auge behalten: Elvis hat seinerzeit auch
die Jugend verdorben, jede Generation bekommt den Antichristen, den sie
braucht. Meine Oma hat mir heute ein Stück frisch gekochter Rinderzunge
mitgegeben, eingewickelt in die Bild-Zeitung. Beim Abendbrot habe ich dies
blutige Papier gelesen und dabei die Abendnachrichten auf RTL II geschaut,
da kam mir in den Sinn, wenn ich noch einmal 20 wäre, ich müsste wohl
Black Metal machen.


29.10.2011 - GARAGE
Lineup
01.04.2011 > Salon Hansen
Maschinenfest / 5.-7.11.2010