SCHILFMUSIK >> Samstag 12. August 2006

Ein optimaler Sommertag endet und beginnt ja für gewöhnlich in blütenweissen Laken, vielleicht sind auch die Aussenwände eurer Hacienda neu gekalkt, so dass ihr, wenn ihr auf die Veranda tretet, geblendet werdet vom Gleissen der Morgensonne, die Stille und ein erstes Hitzeflimmern am Horizont becircen das Gemüt.

Der Tag mag also langsam beginnen, Konfitüre und Obst tun ihr übriges. Ihr überlegt, ob ihr runter ins Dorf geht, Vorräte aufstocken, oder direkt die angenehme Kühle des Ufers aufsucht, um dort geruhsam dem Tag zuzuhören. Durch die Wälder und über die Felder, über denen die Schwalben ein klein wenig zu stolz kreisen, um in wattigen Pollenwolken nach Insekten zu schnappen, gelangt ihr zur Uferböschung.

Die Stunden dort mäandern entspannt dahin, ein paar Seiten in Kriminalromanen, deren Kommissare den Zug in die Provinz nehmen, um durch blosse Präsenz den Fall zu lösen, eigentlich unbescholtene Landmädchen, die unter Tränen abgeführt werden und deren Motiv natürlich die Sehnsucht war, ein paar Seiten in kurzweiligen Magazinen, die unter der Illusion von Echtzeit über laufende Entwicklungen gesellschaftsverändernder Natur berichten, ihr schüttelt euch und schaltet eure Handys aus zur Sicherheit, dann springt ihr ins Wasser, das kühl ist und sanft um die Lenden fliesst, aus der Ferne rufen Fasane.

Ihr fischt eine Flaschenpost aus dem Fluss, sie verrät euch von der Schilfmusik am nördlichen Ende des Städtchens. Später werdet ihr Musik vernehmen, die eine kurze Brise an euch heranträgt, und ihr beschliesst, der Sache auf den Grund zu gehen. Die Sonne hat euch aufgeheizt, doch für gebräunte Haut auf weissen Leinen ist es noch zu früh, diesem Tanz sollen andere voraus gehen.

Also lasst ihr euch flussabwärts treiben, bis sich vor euch ein von einer Autobahnbrücke überspanntes Areal erstreckt, auf dem sich bereits buntes Volk versammelt hat, ein „unruhiger und lärmender Traum, an dem man sich verwundert inmitten der überwältigenden Tatsachen dieser seltsamen Welt aus Pflanzen und Wasser und Stille erinnerte.“ (Joseph Conrad, Her der Finsternis)

Wenig später ist euch ans Ufer geholfen, nun ein Driften durch die Nacht, vom Tanzen ein Schweissfilm, der so angenehm ist wie der, der euch zum Morgen in euren Laken liebenderweise umspielt. Wenn ihr dann eingeschlafen seid, ist die Sonne bereits wieder aufgegangen und kitzelt eure Lider, doch aus der Ruhe bringen lasst ihr euch natürlich nicht.

Ihr atmet Wasser.

 

12.8. Schilfmusik, an der Ilmenau ab 16 Uhr, Wegbeschreibung und mehr hier:

www.sonic-fiction.net
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